Gipfelglück im Sherpaland 2000

Gipfelglück im Sherpaland

……..   Der nächste Tag war ein einziges Wintermärchen!

Die uns nun schon vertrauten Bergriesen und Wege tief verschneit und von azurblauem Himmel überspannt.  Die Sonne gewann schnell an Kraft und es begann kräftig zu tauen! Wir kehrten zurück nach Khumjung, um von dort aus einen Tagesauflug nach Mon-La zu machen. Ein bezaubernder kleiner Ort den man über einen steilen Felsenweg erreicht und der den Übergang ins Gokyo Tal bildet.  Dort reifte der Entschluß es noch mal zu versuchen, mit etwas mehr Zeit, und dann müßte man noch die Gokyo Seen besuchen und ….  und… und…

So endet der Reisebericht unseres ersten Trekkings in die Bergwelt des Himalaya!

 

Und nun ist es also Wirklichkeit geworden, was am Ende unserer ersten Nepalreise 1997 ein Traum war! Seither sind 3 Jahre vergangen und doch denken wir es sei gestern gewesen als wir jetzt Mon-La erreichen. Heute liegt der kleine Ort im Dunst der Nebelschwaden die aus dem Tal aufsteigen und damit bleibt uns diesmal der Blick, auf Ama Dablam, Tramserku und Kang Taiga verwehrt, der uns damals so faszinierte! 

Sieben Tage sind wir nun  schon seit Lukla unterwegs. Auf bekannten Pfaden frischen wir Erinnerungen auf, an Landschaft und Menschen,  die uns seither in ihren Bann geschlagen haben. Phakding, Namche  Bazar,  der Ausflug nach Thame, zurück nach Khumjung! 

Wir, das sind Manfred und Evi, mit denen wir 1998 die Annapurna Runde gemacht haben, sowie Anne und ich! Zu viert wollten wir, unabhängig von anderen, ohne den Zeitdruck eines vorgeschriebenen Programmes,  wie er in größeren Gruppen unvermeidbar ist, die Everest Region neu erleben. Wie richtig das war sollten wir schnell erfahren! Ausgerechnet Manfred, ein erfahrener Trekker, zum siebten mal in Nepal, hatte diesmal Probleme den schnellen Aufstieg zu verkraften. Die Ärztin im Khunde-Hospital riet dringend zu zwei weiteren Akklimatisationstagen in Namche Bazar. So beschlossen Manfred und Evi wieder abzusteigen. Anne und ich wollten aber wenigstens noch eine Nacht in Khumjung bleiben, das uns schon beim ersten Mal so fasziniert hatte! Da auch uns eine weitere Nacht in weniger Höhe sicher gut tun würde waren wir uns einig, am nächsten Tag, ebenfalls noch mal abzusteigen und dann den Weg erneut in Angriff zu nehmen. So haben wir inzwischen Mon-La erreicht, und gehen nun neue, unbekannte Wege! 

Heute werden wir in Dole eine Übernachtungshöhe von ungefähr 4000 m erreichen. Der Weg dorthin führt uns zunächst von Mon-La steil hinab ins Tal des Dud Koshi (Milchfluss).  Dann folgen wir dem Tal flußaufwärts, auf alten Hirtenwegen, die auf die Hochalmen des Gokyo Tales führen. Der Weg ist in den letzten Jahren populärer geworden, seit man für die Überquerung des Cho-La, also dem Übergang vom Gokyotal zum Kala Pattar,  keine Zeltausrüstung  und Verpflegung mehr mitschleppen muß, sondern auch dort inzwischen einfache Lodges findet. Trotzdem ist die Strecke nach wie vor lang und anspruchsvoll.

Nächste Etappe ist Macchermo, eine kleine Siedlung mit einigen, Lodges, eine davon haben wir, wegen der, für lokale Verhältnisse sehr guten Ausstattung,  scherzhaft „Nobelalm“ getauft. Kurz bevor man den Ort erreicht überschreitet man einen breiten, mit Chörten und Gebetsfahnen geschmückten Sattel, und erlebt zum ersten Mal den Ausblick auf den Cho-Oyu (8153m), einen der „kleineren“ Achttausender! Auf der Grenze nach Tibet, verriegelt das gewaltige Massiv des Cho-Oyu  und der benachbarten 7000er das Talende. Erstmals 1954 vom  oesterreichischen  Asienkenner  und Bergsteiger Dr. Herbert Tichy, als „Berg der Sehnsucht“  bezwungen. 

Macchermo selbst liegt etwas tiefer, jenseits des Sattels, in einem Kessel und so ist  der Anstieg für den nächsten Morgen schon vorprogrammiert. Nachdem wir wieder Höhe gewonnen haben, zieht sich der Weg lange an der Westseite des  allmählich enger werdenden Tales entlang, immer höher steigend, bis Steintreppen  eine Aufstiegshilfe in dem nun zur Schlucht gewordenen Tal bilden. Neben uns donnert ein Wildbach zu Tal, es ist der Abfluß der Seen von Gokyo wie wir später feststellen werden. Nach einige Absätzen, die Treppen werden immer wieder mal von steinigen Wegstellen unterbrochen und der Begegnung mit einer Yakkarawane, der wir bedingungslose Vorfahrt einräumen, passieren wir am Ende des Anstieges eine kleine Brücke und dann weitet sich vor uns das Tal erneut. Nun, fast auf  4700 m    Höhe finden wir eine arride Felsenwüste mit nur noch spärlicher Vegetation. Bald erreichen wir den ersten der Gokyo Seen und die Wegstrecke wird jetzt fast eben. Weniger als eine Stunde ist es jetzt noch zur Hochalm von Gokyo und der Moräne des Ngojomba Gletschers, dessen Oberfläche eher an eine Mondlandschaft erinnert als an einen eisigen Gletscher.

Wie immer in den Nachmittagsstunden haben uns zuerst Nebelschwaden und dann die Wolken aus dem Tal herauf erreicht. Manchmal düster, fast gespenstisch verhüllen die Nebel mal die umliegenden Berge und verhindern  deren Spiegelbild im zweiten See, mal bricht wieder die Sonne  durch und weckt das tiefe smaragdgrüne Leuchten, das die Seen so faszinierend macht. Bereits am frühen Nachmittag erreichen wir Gokyo mit seinen wenigen Häusern und den größten der Seen. Vor uns das Ziel für den nächsten Tag, den Gokyo Ri 5480 m. Wir erkennen den Aufstiegsweg im unteren Drittel über steile Hänge mit spärlichem Trockengras und später eine eher felsige Landschaft, mit vielen einzelnen Felsnadeln,  Stalagmiten gleich ragen sie aus dem steinigen Untergrund  hervor. Den Gipfel selbst können wir aus dieser Perspektive nicht erkennen.

Nach einer sternenklaren und deswegen auch bitterkalten Nacht brechen wir zeitig auf, es ist Gipfeltag! Nachdem wir eine flache dem See vorgelagerte Lagune auf vereisten Steinquadern überquert haben beginnen wir den Anstieg. Betont langsam setzen wir Fuß vor Fuß, kleine Schritte, den Atem kontrollierend.

Wir sind zuversichtlich den Gipfel zu schaffen, machen uns Mut mit der Erfahrung der Thorong-La  Überquerung und lassen uns auch von einigen schnelleren Zeitgenossen nicht verleiten unseren Rhythmus zu ändern.  Und doch nagt tief innen ein Zweifel und ein Rest von Ungewissheit ob es denn wirklich gut geht, ob die Kraft reicht, ob wir wirklich unseren ersten Gipfel über fünftausend schaffen. Im Schneckentempo setzen wir Fuß vor Fuß, bei 5000 m beträgt  der Sauerstoffgehalt der Luft nur noch etwa die Hälfte des Normalwertes auf Meereshöhe! Der Rucksack, obwohl nur Tagesgepäck, Wasserflasche und Fotoausrüstung wiegt doppelt schwer. Immer weiter, kurze Wegabschnitte als Zwischenziele vornehmen und dann wieder weiter, nächstes Zwischenziel! Nach etwa zwei Dritteln des Anstieges gönnen wir uns eine Pause. Noch immer können wir den Gipfel nicht erkennen, da der letzte Teil des Anstieges nicht mehr so steil ist wie die unmittelbar noch vor uns liegende Strecke. Weiter geht es, über Felsplatten und steinigen Untergrund gewinnen wir langsam aber stetig an Höhe. Irgendwann erkennen wir die ersten farbigen Stoffetzen der Gebetsfahnen vor uns. Nicht mehr weit zum Gipfel! Und dann ist es geschafft! Weg ist die Anstrengung! Weg sind die Zweifel!

Wir umarmen uns, danken unserm Sherpa der sich mit uns freut, denn auch für ihn ist es ein Erfolgserlebnis seine Gruppe auf den Gipfel gebracht zu haben! Im ersten Moment können wir es nicht fassen! Wie oft haben wir in der Vorbereitung den Weg besprochen, die Etappen abgewägt, jetzt sind wir da! Ein unglaubliches Panorama bietet sich uns in  der Rundschau. Tief unter uns die Häuser von Gokyo, wie verlorenes Spielzeug! Gleich daneben in einem unglaublichen Grün, wie ungeschliffene Smaragdbrocken aneinandergereiht, zwei der Seen und weit, weit unten die ersten Wolkenfetzen im Tal.

Im Osten erkennen wir Chomolungma,  Göttin Mutter Erde für die Tibeter, Sagarmatha Sitz der Götter für die Nepali,  Mt. Everest, den höchsten Berg der Welt und sogenannten dritten Pol! Während der Mt. Everest, auf der klassischen Route von Süden immer nur als kleine Gipfelpyramide hinter der wuchtigen Mauer des Nuptse zu erkennen ist, zeigt er sich hier von Westen, als Monolith in beeindruckender Größe.

Im  Norden, in unmittelbarer Nachbarschaft der Cho-Oyu der uns schon eine Weile begleitet hat. Vor ihm die graue Kraterlandschaft der Gletschermoräne. Ringsum eine beeindruckende Kulisse zahlloser Gipfel. Und in nächster Nähe glückliche Menschen wie wir! Eine italienische Gruppe gibt ihrer  Verzückung mit südländischem Temperament Ausdruck.. Mia bella Montana! 

Über 2 Stunden lang können wir uns kaum satt sehen, fotografieren wir,  teilen das Gipfelglück mit anderen Trekkern und unserem Sherpa, der schließlich zum Aufbruch mahnt. Wir hatten uns entschlossen am Nachmittag noch nach Macchermo zurückzukehren, sodass wir neben dem Abstieg nach Gokyo noch einige Stunden Weg vor uns hatten. Schweren Herzens nahmen wir Abschied und folgten der gleichen Route bergab nach Gokyo.

Nach einer ausgiebigen Mittagsrast machten wir uns am frühen Nachmittag auf nach Macchermo.  Dort „schlachteten“ wir dann zur Feier des Tages unsere erste mitgebrachte Salami! Dazu Pellkartoffeln und etwas Käse, ein Festessen! 

Am nächsten Tag folgten wir der Aufstiegsroute bergab, bis in die  Talsohle des Dud Koshi unterhalb von Mon- La. Dort beginnen wir dann wieder mit dem Aufstieg nach Phortse. Der Eigentümer unserer Lodge ist selbst Sherpa und Bergführer und die Fotos an den Wänden zeugen vom Gipfelsturm auf den Everest. Phortse liegt schon wieder um die 4000 m hoch, sodass wir nach kurzem Aufstieg einem mehr oder weniger auf gleicher Höhe verlaufenden Pfad in Richtung Periche folgen. Schon bald entpuppt sich die heutige Etappe als Panoramawanderung erster Güte!  Wieder einmal sind es Ama Dablam, Tramserku und Kang Tega die uns in ihren Bann ziehen! Bis zur Mittagspause in Pangpoche genießen wir die Aussicht in vollen Zügen.  Nachmittags ereilen uns wiedereinmal zunächst der aufsteigende Dunst aus dem Tal und dann dichtere Nebelschwaden. Es wird nasskalt. Verbissen kämpfen wir uns in der letzten Stunde über einen kleinen Sattel, trotzen dem kalten Wind und erreichen schließlich Periche. Vor drei Jahren mussten wir hier unseren Traum vom Kala Pattar begraben und nach heftigen nächtlichen Schneefällen unverrichteter Dinge den Rückweg antreten. Und erneut steht der Kala Pattar unter keinem guten Stern. Evi hat sich wohl einen Infekt geholt und steht seit Mittag unter Antibiotika. Also, wieder Kriegsrat in Periche! 

Evi schlägt vor, dass wir den Gipfelsturm alleine in Angriff nehmen und uns in Periche wieder treffen. Aber das wollen wir letztlich auch nicht. Alternativ könnten wir den Chukung Ri, ebenfalls ein „leichter“ 5000er, in Angriff nehmen. Das hätte den Vorteil dass wir noch einen bis 2 Tage Anmarsch haben, während derer sich Evi erholen kann. So beschließen wir als Kompromiss  am nächsten Tag eine kleine Etappe nach Dingpoche zu gehen.

Dort erwischt es dann mich und ich nehme abends noch Antibiotika um schlimmerem vorzubeugen. Am nächsten Morgen machen wir uns dann trotzdem auf den weg nach Chukung, mit dem festen Vorsatz auch noch den Chukung Ri zu meistern. Wir erleben die Ama Dablam mal aus einer ganz anderen, noch ungewohnten Perspektive und vor uns am Talende der Island Peak, knapp über 6000 m, auch ein Ziel der Sehnsucht, aber dazu müssten wir erst mal den Umgang mit Pickel und Steigeisen üben. Wir erreichen Chukung und ich fühle wieder die Lebensgeister und die Unternehmungslust die mir am frühen Morgen noch gefehlt hat. Zu unserer Freude treffen wir auch noch Manfred und Eberhard aus Dresden! Beide waren mit uns 1997 schon mal in der Region und hatten wie wir eine Rechnung am Kala Pattar offen, und beide haben es diesmal geschafft! Und beide waren auch schon auf dem Chukung Ri!  Wenn das kein gutes Zeichen ist! Also halten wir uns nicht lange auf und nehmen nach kurzer Rast den Gipfel in Angriff.

Zuerst überqueren wir einen weit verzweigten Gebirgsbach auf Steinbrocken und dann geht es gleich steil bergauf. Wir gehen wie auf einer überdimensionierten Sanddüne auf schmalen Pfaden bergauf. Es ist staubig und wir sind froh keinen Gegenverkehr zu haben. Wieder gehen wir bewusst langsam, auch als die Steigung nachlässt   und wir rechts bereits einen kleinen Hügel, geschmückt mit bunten Gebetsfahnen liegen  lassen.  Auf etwa 5100 m machen wir eine kurze Rast, Trinken, Trinken! Der Körper verlangt Flüssigkeit! Dann wird der Weg steiniger, und die Trittspuren führen fast  gradewegs auf einen langen Sattel, der die beiden Gipfel des Chukung Ri miteinander verbindet. Mittlerweilen geht jeder individuell sein bestes „Tempo“.  Wir,  Anne und ich rasten noch mal auf dem Sattel, genießen schon mal den Ausblick.

um ersten mal, direkt vor uns, dominierend den Lhotse, dem sonst immer vom Everest die Aufmerksamkeit entzogen wird. Im Osten der Makalu, und westlich der spitze Kegel des Pumori. Unter uns, weit hinaus der Blick ins Chukung Tal unser gesamter Anmarschweg  im Format einer Modelleisenbahn.

Evi bedeutet uns von weiter unten, mit Handzeichen dass wir weitergehen sollen und so machen wir uns auf die letzte Etappe zum Gipfelglück. Wir genießen die Rundschau von unserem zweiten Gipfel, wieder haben wir traumhaftes Wetter, wieder können wir uns nicht satt sehen. Wieder möchten wir verweilen und die Landschaftsbilder in uns aufsaugen. Dann hat es auch Manfred geschafft!  Evi hat den schon beschriebenen Sattel zu ihrem Gipfel erklärt und ist unter den gegebenen Umständen überglücklich soweit gekommen zu sein.

Noch einen kleinen Stein, als Andenken in die Hosentasche und dann müssen wir wieder zurück. 

Ab jetzt ist alles Abschied.

Abschied von einer faszinierenden Bergwelt,

Abschied von herzlichen, gastfreundlichen Menschen.

Abschied von unseren Trägern und Sherpas deren Hilfe wir schätzen und achten gelernt haben.

Und doch:

 

….jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne!